“Invisible Dances: Art after Lockdown” in Witzenhausen

In der Nacht von Samstag auf Sonntag habe ich mit meinen KollegInnen Pauline Reichardt und Barak Ben Dov ein künstlerisches Konzept von Elisabeth Schilling namens “Invisible Dances: Art after Lockdown” in meiner Wahlheimatstadt Witzenhausen umgesetzt.

Dieses Performance-Konzept wurde von Elisabeth Schilling im Kontext der Corona-Pandemie entwickelt, um einerseits auf die Situation von darstellenden KünstlerInnen aufmerksam zu machen, die durch die Coronamaßnahmen im großen Stil ihre Jobs verloren haben und um andererseits eine kreative Alternative für die Betroffenen anzubieten, um weiter auftreten und künstlerisch tätig sein zu können.

Das Projekt steht in einem internationalen und nationalen Zusammenhang und wird von der Bundesregierung und zahlreichen Stiftungen gefördert. Sowohl in verschiedenen Ländern weltweit als auch in einigen Kleinstädten in Deutschland interpretieren lokale Teams den von Elisabeth Schilling vorgegebenen “Score” (Regel- und Rahmenwerk). Dieser beinhaltet eine Tanzperformance des nachts ohne Zuschauer, bei der eine Person im öffentlichen Raum tanzt und dabei von einer weiteren Person mit einem abwaschbaren Kreidespray “getraced” wird. Diese Person verfolgt mit ausreichendem Abstand den Fuß- bzw. Bewegungsweg der tanzenden Person und manifestiert auf diese Weise den Tanz für die Nachwelt, so dass am Tag danach die Spuren des Tanzes für die BürgerInnen sichtbar und nachvollziehbar werden. Die BürgerInnen sind eingeladen, die Spuren selbst abzulaufen bzw. abzutanzen und auf diese Weise an der Kunstaktion zu partizipieren und sie auf ihre individuelle Weise selbst zu interpretieren und zu erleben. Ein besonderes Anliegen war für Elisabeth Schilling des Weiteren, darstellende Kunst und zeitgenössischen Tanz auf diese Weise auch in den ländlichen Raum zu bringen, so dass nur Kleinstädte mit weniger als 20.000 EinwohnerInnen für das Projekt zugelassen waren.

Ich habe mich mit Witzenhausen und meinem lokalen Team beworben, da auch ich in meiner Arbeit als Tänzerin und Tanzpädagogin massiv von den Corona-Einschränkungen beeinträchtigt bin. Vor allem auch weil Körperkontakt und körperliche Nähe in meinem Spezialgebiet der Contact Improvisation, des Watercontactens und der somatischen Arbeit die zentralen Elemente sind und nun grad diese Elemente verboten sind bzw. auf ein Minimum reduziert werden sollen.

So suche auch ich nach kreativen Lösungen, um in dieser Zeit künstlerisch und pädagogisch tätig zu sein. An dem Performance-Projekt “Invisible Dances: Art after Lockdown” hat mich besonders angesprochen, dass ich es zu Hause in Witzenhausen durchführen kann und dabei trotzdem in einen größeren, nationalen und internationalen Kontext eingebettet bin. Außerdem gab es trotz der vorgegebenen Rahmenbedingungen und Regeln genug künstlerischen Spielraum, um das Ganze auf meine Weise zu interpretieren. Auch das hat mich angesprochen. Deshalb habe ich mich bei dem Projekt beworben und wurde dann erfreulicherweise eingeladen, teilzunehmen. Da auch die Stadtverwaltung und das Ordnungsamt meinen Antrag auf Bewilligung des Projekts genehmigt hatten, konnten wir die Aktion nun am vergangenen Wochenende endlich durchführen.

Bei der Durchführung Sonntag früh um 3.00 Uhr hatte ich meine zwei MitkünstlerInnen Pauline Reichardt und Barak Ben Dov an meiner Seite. Das Projekt hat uns allen drein sehr viel Freude bereitet. Mir persönlich ging es darum, mit dem Marktplatz und den Strukturen auf dem Marktplatz in Kontakt zu kommen und dabei Prinzipien der Contact Improvisation anzuwenden: mich anzulehnen, abzulegen, Unterstützung für mein Körpergewicht und meine Bewegungen zu suchen und zu finden und damit eine lebendige Beziehung zu meinem unbelebten Gegenüber zu etablieren. Neben diesen Interaktionen mit verschiedenen Objekten auf dem Marktplatz hat natürlich der ständige non-verbale Dialog zu meiner “Tracerin” Pauline Reichardt eine wichtige Rolle gespielt, die mir quasi wie ein Schatten permanent gefolgt ist und wir trotz Abstand in einer Art bewegten Beziehung getanzt haben. Um das zu realisieren, hat sie sich einfühlsam auf mich eingestimmt, mich beobachtet, manchmal gewartet, ihre Bewegung und ihre Position angepasst und dadurch auf ihre Weise mit mir mit getanzt. Auf ähnliche Weise hat auch Barak Ben Dov mitgetanzt, der mit seiner Kamera ebenfalls das Ganze verfolgt, beobachtet, manchmal gewartet und sich angepasst hat, um mir und uns Raum genug zu geben, aber dennoch die Bewegungen und die Farbe gut einfangen zu können. So waren wir in dieser Nacht in lebendigem, improvisierten Kontakt miteinander und dem Marktplatz. Die Spuren davon sind nun für die BürgerInnen von Witzenhausen da, um ebenfalls spielerisch und neugierig damit in Kontakt zu kommen — selbstverständlich unter Einhaltung der geltenden Corona-Regeln.

Die weiße Farbe und der Sand auf dem Marktplatz gehört übrigens NICHT zu unserer Aktion! Die Farbe war in der Nacht bereits dort als wir am Marktplatz ankamen, was uns zunächst auch irritiert und verunsichert hat, da wir nun diesen Platz ja selber auch nicht mehr für unsere Aktion nutzen konnten.

Außerdem möchte ich gern noch einmal darauf hinweisen, dass es sich bei der bunten Farbe um ein Kreidespray handelt, welches abwaschbar ist und je nach Witterung nur 1-2 Wochen sichtbar ist.

Es hängen zwei Schilder auf dem Marktplatz, auf denen weiterführende Informationen zu diesem Projekt stehen, sowie ein begleitendes Gedicht und Vorschläge, wie man mit den Spuren interagieren kann, ein Link und Barcode zur Projektseite von “Invisible Dances” und Elisabeth Schilling. Dort kann man sich auch ansehen, wo in der Welt und wo in Deutschland das Projekt noch realisiert wurde und wird.

Abschließend möchte ich mich noch einmal bei allen Personen bedanken, die uns bei der Realisierung und Durchführung von diesem Projekt unterstützt haben: der Herr Bürgermeister Daniel Herz, die Stadtverwaltung, das Ordnungsamt und auch die Polizei. Alle wussten vorher Bescheid und haben das Projekt auch in der Nacht und am Morgen danach kooperativ, wachsam und freundlich begleitet, um sicher zu gehen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Ich habe mich zudem von der Grafischen Werkstatt 92, meinem Team Pauline Reichardt und Barak Ben Dov sowie von Elisabeth Schilling und ihrem Team sehr unterstützt gefühlt.

Wer Fragen und/oder Feedback zu diesem Projekt hat, darf sich gern bei mir melden. Viel Freude beim Nachtanzen!


Mehr Informationen zu diesem Projekt finden Sie außerdem hier:
http://www.elisabethschilling.com/invisibledances/

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Auch die HNA hat schon darüber berichtet: https://www.hna.de/lokales/witzenhausen/witzenhausen-ort44473/naechtlicher-tanz-auf-marktplatz-90115775.html